Eine Psychologin mit Migrationshintergrund erzählt...
Aktualisiert: 23. Okt.
Die Suche nach einer Praktikumsstelle in der Psychotherapie als junge Frau mit Migrationsgeschichte – Vor- und Nachteile. Anahita Sattarian teilt ihre Erfahrungen in unserem neuesten Blogbeitrag. Viel Freude beim Lesen!

Zur Person
Anahita Sattarian wurde 1995 in Hamburg als Tochter iranischer Einwanderer geboren. Im Sommer 2022 hat sie nach ihrem Studium in Bielefeld und London an der Universität Bielefeld mit dem „Master of Science“ in Psychologie abgeschlossen und macht derzeit am Institut für Psychotherapie (IfP) des UKE ihre Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt „Verhaltenstherapie“. Zuvor arbeitete sie am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bielefeld und in der Flüchtlingsambulanz des UKE im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte als Studienkoordinatorin sowie in ihrer praktischen Tätigkeit in der Psychotherapieausbildung am Neuropsychiatrischen Zentrum Hamburg (NPZ) und auf der Adoleszentenstation (PA1) des UKE als Psychologin. In ihrer Freizeit engagiert sie sich als freie Autorin und Interviewpartnerin (siehe unten) zu Themen rund um Mental Health und Chancengerechtigkeit.
Mit diesem Beitrag möchte ich auf ein Ungleichgewicht hinweisen: Trotz einer heterogenen Patient:innengruppe im psychiatrischen Kontext und des Umstands, dass mehr als jede vierte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund aufweist, spiegeln sich diese Verhältnisse nicht im Anteil der Psycholog:innen mit Migrationshintergrund wider, die sich in einer Psychotherapieausbildung und im Rahmen dessen in einer praktischen Tätigkeit (PT) befinden. Zugleich möchte ich als Psychologin mit Migrationsgeschichte meine Entscheidung für die praktische Tätigkeit (PT) auf der Adoleszentenstation (PA1) am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf beschreiben und dabei meine Eindrücke von der Stellensuche schildern. Ich möchte Mut machen, sich explizit als Psycholog:in mit Migrationshintergrund für die Psychotherapieausbildung zu entscheiden und sich im Rahmen dieser auf eine PT-Stelle zu bewerben.
Mein Weg zur PA1 begann mit verschiedenen Bewerbungen um Stellen der Praktischen Tätigkeit in Hamburg und Umgebung. Hierbei rate ich angehenden Psychotherapeut:innen, sich breit aufzustellen und neben möglicherweise bereits bekannten eigenen Behandlungsschwerpunkten den Blick auf andere, sowohl allgemeinere als auch spezifischere, Stationen zu werfen. Gleichzeitig kann die Suche nach der Stelle für die PT-Zeit auch eigene Interessen und Schwerpunkte vertiefen. Auch deshalb fiel meine PT-Wahl auf die PA1, da ich in früheren Forschungsprojekten mit der Zielgruppe der jungen Erwachsenen gearbeitet habe und die Entwicklungspotenziale in dieser Altersspanne besonders gerne begleiten wollte. Zugleich werden auf der PA1 Patient:innen mit verschiedenen Erkrankungsbildern vorstellig, sodass ich einen allgemeinen Einblick in unterschiedliche Bereiche gewinnen konnte. Es galt für mich als angehende Psychotherapeutin mit Migrationshintergrund ein Gleichgewicht zwischen mir bisher unbekannten Bereichen mit hohem Lernzuwachs und der Vertiefung eigener Schwerpunkte zu finden.
Bei der PT-Bewerbung selbst habe ich nach dem Motto „start before you’re ready“ konkrete Wunschvorstellungen und Ziele an die Praktikumszeit formuliert
Im Vorfeld der praktischen Tätigkeit achtete ich darauf, die notwendigen Qualifikationen, Arbeitszeugnisse und erste Erfahrungen im Patientenkontakt sowie die Expertise, die sich aus meiner Migrationsgeschichte ergibt, zu sammeln. Im Rahmen des Sprachunterrichts in meiner Muttersprache, Persisch, konnte ich zum Beispiel Psychologie- und Psychotherapiebücher einbinden, um die Fachbegriffe meines zukünftigen Berufsfelds für die therapeutische Arbeit kennenzulernen. Außerdem konnte ich in Praktika und studentischen Hilfskraftstellen bei der Übersetzung von Fragebögen sowie in Forschungsvorhaben zur Rekrutierung von Studienteilnehmer:innen meine Persischkenntnisse anwenden.
Bei der PT-Bewerbung selbst habe ich nach dem Motto „start before you’re ready“ konkrete Wunschvorstellungen und Ziele an die Praktikumszeit formuliert, die für mich auch Herausforderungen darstellen würden, um mehr als das für mich bekannte (ein Sicherheitsstreben, das ich sonst stets verfolge) erzielen zu wollen. Zusätzlich habe ich spezifische Qualifikationen, die ich durch meine Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit Migrationsgeschichte sowie durch Fähigkeiten, die sich aus meiner eigenen Migrationsbiografie entwickelt haben, benannt. Diese bereits im Bewerbungsschreiben gesetzten Schwerpunkte halfen mir, mich von anderen Bewerber:innen für die PT-Stelle abzuheben und neben den im Studium und in der Ausbildung erworbenen psychologischen Kenntnissen zusätzliche migrationsspezifische Expertise mitzubringen.
In den darauffolgenden Bewerbungsinterviews selbst, standen für mich auch meine eigenen Anforderungen im Fokus. Ich achtete darauf, wie mein Gegenüber meine eigenen Erfahrungen mit der Behandlung von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte aufnahm und bewertete. Die Möglichkeit nutze ich, um in der Übertragung zu spüren, was die Kultursensibilität meines Gegenübers und damit auch das Verständnis für migrationsspezifische Themen, die in vielen Migrationsbiografien auftauchen, in mir auslöst und was bei diesem Prozess wiederum in der Gegenübertragung wirkt. Hier ist mir in meiner inneren Wahrnehmung aufgefallen, dass es für mein Wohlbefinden einen Unterschied machte, ob eine Sensibilität für migrationsspezifische Schwerpunkte und die vermehrten Risikofaktoren, die auch mit meiner eigenen Migrationsbiografie einhergingen (kleineres soziales Netz, fehlende berufliche Rollenvorbilder, Armut, Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen etc.), vorhanden war. Diese Risikofaktoren sind sowohl für mich als angehende Psychotherapeutin als auch häufig für Patient:innen mit Migrationsgeschichte real und somit prägend gewesen. Ein Umfeld, das ein Bewusstsein für diese mit Einwanderung einhergehenden Faktoren hat, ist für mich essenziell, um mich gesehen und angekommen zu fühlen. Beim Bewerbungsgespräch auf der PA1 hatte ich das Gefühl, dass meine Erfahrung und Expertise in diesem Bereich ernst genommen und wertgeschätzt wurden. Nicht zuletzt aus diesem Grund fiel meine PT-Stellenwahl auf die PA1.
Auch die Wichtigkeit von Repräsentation hat, wie bereits beim Ausdruck „representation matters“ deutlich wird, für mich eine essenzielle Rolle gespielt
Auch die Wichtigkeit der Repräsentation hat, wie bereits im Ausdruck „representation matters“ deutlich wird, für mich eine essenzielle Rolle gespielt. Gerade für angehende Psychotherapeut:innen (mit Migrationsgeschichte), die nicht in einem akademisierten Umfeld aufgewachsen sind, ist es wichtig, auch im Arbeitsumfeld Bezugspersonen und Rollenvorbilder mit Migrationshintergrund zu finden. Dies prägt und hinterlässt Spuren. Auf der PA1 hatte ich diese migrantischen Rollenvorbilder, da sowohl mein damaliger Oberarzt als auch andere Kolleg:innen einen Migrationshintergrund hatten. Wie ich gelernt habe, war dies alles andere als selbstverständlich, da im Rahmen anderer Bewerbungsgespräche weder die anwesenden Psycholog:innen noch die Ärzt:innen noch die Mitarbeitenden des Pflege- und Erziehungspersonals eine Migrationsgeschichte mitbrachten.
Für nicht betroffene Personen mag dies irrelevant erscheinen, ich habe jedoch gemerkt, dass hier bei Anwesenheiten von Kolleg:innen mit Migrationsgeschichte auch nahbare Rollenmodelle entstehen können, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eigene Themen, beispielsweise in Bezug auf die eigene gegenwärtige Betroffenheit bei politischen Unruhen im Heimatland aufnehmen und thematisieren können. Risikofaktoren erschweren Chancengerechtigkeit, umso wichtiger, dass Rollenmodelle in der unmittelbaren Umgebung und des eigenen Fachs unterstreichen, dass es auch mit widrigeren Startmöglichkeiten funktionieren kann. Hier spielen auch weniger bewusste Prozesse eine Rolle, die einem deutlich machen, dass man beispielsweise dem Umfeld des Universitätsklinikums und der Forschung angehört und hier einen Platz hat. Dieses Zugehörigkeitsgefühl hat für mich erst im jungen Erwachsenenalter (bewusst) eine Rolle gespielt. Der Bezug zu Themen wie Herkunft, Heimat, Identität und die Zerrissenheit, die man empfinden kann, wenn der Großteil der eigenen Familie in einem anderen Land lebt, war nur eines von vielen migrationsspezifischen Themen, die in Mittagspausen oder Supervisionen vermehrt miteinander im Team geteilt werden konnten.
...ich wurde kontextlos gefragt, ob ich „sogar Patient:innen mit Kopftuch behandeln“ würde.
Dass fehlende Diversität im Team zu Stereotypisierung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund führen kann, erlebte ich in einem Bewerbungsgespräch bei der Stellensuche im Rahmen meiner Psychotherapieausbildung: ich wurde von einem Leitungsteam für eine psychologische Stelle nach meiner Meinung zur politischen Lage verschiedener „orientalischer Länder“ gefragt, mein Name wurde nicht vollständig ausgesprochen, weil er „zu kompliziert“ geklungen habe und ich wurde kontextlos gefragt, ob ich „sogar Patient:innen mit Kopftuch behandeln“ würde - eine per se diskriminierende Frage. Durch diese Erfahrungen lernte ich sogenannte „Othering“-Prozesse kennen und fühlte mich an manchen Stellen während des Bewerbungsprozesses „verandersartigt“, da mir lediglich aufgrund meines Namens und meiner Herkunft thematisch gänzlich andere Fragen gestellt wurden als meinen Kolleg:innen ohne Migrationsgeschichte.
Ich habe mich wegen und später trotz meiner Migrationsgeschichte dazu entschieden, Psychotherapeutin zu werden.
Ich habe mich wegen und später trotz meiner Migrationsgeschichte dazu entschieden, Psychotherapeutin zu werden. Und dieser Weg begann für mich 2015 während meiner ehrenamtlichen Arbeit mit Geflüchteten am Hamburger Hauptbahnhof. Damals übernahm ich aufgrund meiner Sprachkenntnisse die Sprachmittlung bei klinischen Gesprächen mit traumatisierte Geflüchtete. Mir fiel auf, dass mir bestimmte Fähigkeiten, die ich durch meine eigene Migrationsbiografie mitbrachte, bei der Arbeit mit belasteten Patient:innen halfen. Mir wurde zurückgemeldet, dass die Betroffenen aufgrund meines eigenen Migrationshintergrunds schnell Vertrauen zu mir schöpfen konnten und ihnen dadurch für kurze Zeit eine Art Sicherheit in einem noch unbekannten Umfeld geboten wurde.
Inspiriert von einer 5-jährigen Patientin, die mir mitteilte, dass ich ihr aufgrund unserer gemeinsamen Muttersprache ähnlich sei und dass auch sie es somit „in Deutschland schaffen kann“, entwickelte sich der Wunsch, Menschen in ihrem Umgang mit psychischen Problemen zu unterstützen. Ich gehörte zu den wenigen Psychologiestudierenden in meinem Jahrgang, die eine Migrationsgeschichte hatten, und später wurde ich zur Psychotherapeutin in Ausbildung.
Gleichzeitig merkte ich auch in der Arbeit auf der PA1, dass auch meine spezifischen Fähigkeiten aufgrund meiner eigenen Migrationserfahrung für die klinische Arbeit wertvoll sind. Diagnostik und Therapie in anderen (Mutter-)Sprachen anbieten und durchführen sowie migrationsspezifische Themen zuordnen werden auch angesichts der aktuellen Situation und des Zuwachses an Patient:innen aus verschiedenen Herkunftsländern immer wichtiger. Und ich hoffe, dass in Zukunft, in Zeiten einer heterogenen Patientenzielgruppe und aufgrund steigender Teilhabemöglichkeiten und Chancengerechtigkeit, der Anteil der (psychotherapeutisch) behandelnden Mitarbeitenden in der Psychiatrie steigt. Von mehr Heterogenität können aktuelle psychotherapeutische Behandlungsteams in Deutschland profitieren.
Weiter Links zur Person und Arbeit
Identitätskonflikte und antimuslimische Vorurteile: Anahita bei TRUTH TALKS: Interview für HÁWAR. help e.V.
Anahita als Expertin im Portrait beim ZDF-Wallduell Format „Für & Wider“ zum Thema: Integration auf Augenhöhe
Anahitas Mental Health Kolumne bei Edition F
Porträt in der ZEIT
„Du hättest ich ein können“ - Interview im Hinz&Kunzt


Kommentare