Lust, Macht, Sinn: Was den Menschen antreibt
Wien war um 1900 ein Labor der Seele. Drei Ärzte, Sigmund Freud, Alfred Adler und Viktor Frankl, versuchten, dasselbe Rätsel zu entziffern: Was bewegt uns im Innersten? Ihre Antworten bilden bis heute das Fundament der Psychotherapie.

KI-generiertes Bild: Freud, Adler und Frankl im Wiener Kaffeehaus.
Warum tun wir, was wir tun? Aus Verlangen nach Genuss? Aus dem Streben, uns zu behaupten? Oder weil unser Leben für uns etwas bedeutet? Die drei Wiener Schulen der Psychotherapie geben jeweils eine eigene Antwort, und Viktor Frankl hat sie selbst auf eine Formel gebracht:
Freud: Wille zur Lust | Adler: Wille zur Macht | Frankl: Wille zum Sinn |
„Schulen“ heißen sie, weil hinter jeder nicht nur eine Person stand, sondern eine Bewegung mit Schülerinnen und Schülern, Instituten und Fachzeitschriften. Alle drei Begründer waren Ärzte in Wien, und ihre Wege kreuzten sich mehrfach.
Freud und der Wille zur Lust
Psychoanalyse · Sigmund Freud, 1856–1939

Freud wurde 1856 im mährischen Freiberg geboren und studierte in Wien Medizin. Als Neurologe begegnete er Patientinnen und Patienten mit Lähmungen, Krämpfen oder Ängsten ohne körperliche Ursache. Seine Schlussfolgerung: Psychische Konflikte können sich körperlich bemerkbar machen, und wir erkennen sie oft selbst nicht. Den Tod seines Vaters 1896 erlebte er als so aufwühlend, dass er begann, seine eigenen Träume systematisch zu analysieren. Daraus entstand 1900 „Die Traumdeutung“, die er als Weg zum Unbewussten verstand.

Das Eisberg-Bild: Nur ein kleiner Teil des Seelenlebens ist bewusst, der größere Teil bleibt verborgen.
Triebe, Konflikte und die Instanzen der Psyche
Für Freud wird menschliches Verhalten wesentlich von Trieben bestimmt, insbesondere von sexuellen und aggressiven Trieben. Das Lustprinzip, das Streben nach Befriedigung und Spannungsabbau, steht daher im Zentrum. Weil die Gesellschaft nicht jeden Impuls zulässt, geraten Triebwünsche mit Regeln in Konflikt. Er beschrieb dafür drei Instanzen:
Das Es ist der Sitz der Triebe und verlangt unmittelbare Befriedigung.
Das Über-Ich verkörpert verinnerlichte Normen und das Gewissen.
Das Ich vermittelt zwischen beiden und der Realität. Gelingt das nicht, entstehen nach Freud Symptome.
Verdrängte Wünsche und Erinnerungen, so seine These, verschwinden nicht, sondern melden sich als Symptome, Fehlleistungen oder Träume zurück. Therapeutisch setzte er auf die freie Assoziation, die Deutung von Träumen und die Analyse der Übertragung, also darauf, wie Patienten frühe Beziehungsmuster auf den Therapeuten übertragen. Ein Beispiel: Wer immer wieder Angstträume hat, trägt womöglich einen unverarbeiteten Konflikt aus der Kindheit mit sich. Wird er bewusst, verliert er an Macht.
Vieles an Freuds Theorie ist umstritten und empirisch schwer zu überprüfen. Seine Grundidee, dass wir uns nicht vollständig durchschauen, bildet bis heute das Fundament der Psychotherapie. Um ihn bildete sich die Mittwochsgesellschaft, aus der eine internationale Bewegung hervorging, die ebenso faszinierte wie provozierte.
Adler und der Wille zur Macht
Individualpsychologie · Alfred Adler, 1870–1937

Adler war zunächst Freuds enger Mitarbeiter, trennte sich jedoch 1911 von der Psychoanalyse. Der Streit ging um den Kern: Für Adler ist der Mensch weniger ein Triebwesen als vielmehr ein soziales Wesen, das in Beziehungen lebt und darin seinen Platz sucht.

Für Adler entscheidet das Gefühl der Zugehörigkeit darüber, ob das Streben gesund bleibt.
Minderwertigkeit und das Streben nach Überlegenheit
Adlers Ausgangspunkt: Jeder Mensch kommt klein und abhängig zur Welt und erlebt Minderwertigkeitsgefühle. Daraus entsteht ein Streben nach Überlegenheit, Geltung und Kompetenz, das Adler als Willen zur Macht bezeichnete. Das ist zunächst ein Motor für die Entwicklung. Problematisch wird es, wenn das Gefühl, nicht zu genügen, überhandnimmt: Dann kann es sich als Minderwertigkeitskomplex, als Rückzug oder als überzogenes Geltungsstreben äußern.
Der Gegenpol heißt bei Adler Gemeinschaftsgefühl. Streben ist gesund, wenn es mit sozialem Interesse verbunden ist. Adler arbeitete deshalb viel mit Familien und Schulen, weil er in Erziehung und Zugehörigkeit den Schlüssel zum seelischen Wohlbefinden sah. Hinzu kommt die Idee des persönlichen Lebensstils, also der Muster, mit denen jemand Aufgaben und Beziehungen angeht. Ein Jugendlicher, der sich im Sport schwach fühlt, braucht demnach nicht nur Bestätigung seiner Stärken, sondern vor allem einen Platz, an dem er dazugehört.
Dass Beziehungen, Zugehörigkeit und Selbstwert eng zusammenhängen, gilt heute in der Psychologie und der Pädagogik als gut belegt. Auch im Berufsleben finden sich Adlers Ideen, etwa in der Annahme, dass wahrgenommene Schwächen eine Motivation zur Entwicklung sein können.
Frankl und der Wille zum Sinn
Logotherapie und Existenzanalyse · Viktor Frankl, 1905–1997

Frankl wuchs in einer jüdischen Beamtenfamilie in der Wiener Leopoldstadt auf. Mit 15 Jahren korrespondierte er mit Freud, der später seine erste Fachveröffentlichung (1924) befürwortete. Er verkehrte dann im Kreis um Adler, wurde jedoch 1927 wegen „Unorthodoxie“ aus dem Verein für Individualpsychologie ausgeschlossen. Als junger Arzt baute er Jugendberatungsstellen auf. Von 1933 bis 1937 leitete er am Wiener Rosenhügel die Abteilung für suizidgefährdete Frauen, in der er jährlich bis zu 3.000 Patientinnen betreute.

Wer ein „Wofür“ hat, erträgt oft ein „Wie“. Das war Frankls zentrale Erfahrung.
Die Erfahrung der Lager
Nach dem „Anschluss“ 1938 durfte Frankl als Jude nur noch jüdische Patient:innen behandeln. 1942 wurde er mit seiner Frau Tilly nach Theresienstadt deportiert, später kam er nach Auschwitz und in die Außenlager des KZ Dachau. Seine Eltern, sein Bruder und seine Frau wurden ermordet. Am 27. April 1945 wurde er befreit. Seine Beobachtung: Selbst unter unmenschlichen Bedingungen hatten diejenigen bessere Chancen, die jemanden hatten, der auf sie wartete, oder eine Aufgabe, die noch vor ihnen lag. Er verarbeitete das in „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (1946), das in 26 Sprachen übersetzt wurde und sich über zwölf Millionen Mal verkaufte.
Der Wille zum Sinn
Frankl widersprach Freud und Adler nicht völlig, aber er hielt Lust und Macht für Ersatz. Wo der Wille zum Sinn frustriert wird, so seine These, greifen Menschen zu Vergnügen oder zum Machtstreben, um eine innere Leere zu füllen. Daran knüpft die Logotherapie an drei Säulen an: die Freiheit des Willens (wir sind nicht bloß Produkt der Umstände, sondern können Stellung beziehen), den Willen zum Sinn und den individuellen, konkreten Sinn im Leben. Gefunden werden kann er im Schaffen, im Erleben von Liebe oder Begegnung und in der Haltung, die wir gegenüber unabänderlichem Leid einnehmen.
Paradoxe Intention: Ängste werden bewusst und humorvoll übersteigert, etwa nach dem Muster „Heute schwitze ich richtig“. Das nimmt der Erwartungsangst oft die Kraft.
Dereflexion: Die Aufmerksamkeit wird vom Symptom weg auf Aufgaben und Werte gelenkt.
Einstellungsänderung: Wo sich das Schicksal nicht ändern lässt, bleibt die Frage nach der inneren Haltung.
Frankl wurde Professor für Neurologie und Psychiatrie in Wien und leitete bis 1971 die Neurologische Poliklinik. Seine Fragen nach Sinn und Haltung sind in Zeiten von Krisen, Überlastung und Sinnverlust im Beruf aktueller denn je.
Die drei Schulen im Vergleich
| Freud | Adler | Frankl |
Leitidee | Wille zur Lust | Wille zur Macht | Wille zum Sinn |
Blick auf den Menschen | Getrieben von unbewussten Konflikten | Soziales Wesen, das Zugehörigkeit sucht | Freies Wesen, das nach Sinn fragt |
Zentrale Begriffe | Unbewusstes, Es/Ich/Über-Ich, Verdrängung | Minderwertigkeitsgefühl, Gemeinschafts-gefühl, Lebensstil | Sinn, Freiheit, Verantwortung, Haltung |
Methoden | Freie Assoziation, Traumdeutung, Übertragung | Lebensstil-Analyse, Ermutigung, Familien- und Schularbeit | Sinnorientiertes Gespräch, Dereflexion, paradoxe Intention |
Drei Perspektiven eines Menschenbildes
Die drei Schulen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich: Freud richtet den Blick nach innen, Adler auf das Miteinander, Frankl auf die Frage nach dem Wofür. Moderne Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie oder Schematherapie sind später entstanden, doch viele Behandler:innen arbeiten bis heute mit Elementen aus allen drei Zugängen. Alle drei leisten Pionierarbeit und benennen Motive, die die Psychodynamik (das wechselnde Verhältnis intrapsychischer Strukturen) beeinflussen. Dabei schaffen sie jedoch kein ganzheitliches Bild und wir tappen weiterhin im Dunkeln, wenn es um das anatomische und physiologische Verständnis der Psyche geht. Dieses Verständnis zu vertiefen, gehört zu den wissenschaftlichen Aufgaben unserer Generation.
Dieser Artikel ersetzt keine Beratung oder Therapie.
Quellen:
Universitätsbibliothek der MedUni Wien (Biografie Viktor Frankl und Alfred Adler)
Viktor Frankl: „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (1946)
Sigmund Freud: „Die Traumdeutung“ (1900).

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