top of page

Generation Psy im Gespräch

vor 2 Stunden
7 Min. Lesezeit

Warum wird man eigentlich Psychiater:in? Was macht die Psychiatrie für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiv? Was erschwert den Einstieg? Und welche Veränderungen braucht das Fach, um seinem Nachwuchs und seinen Patientinnen und Patienten gerecht zu werden? Nina, Ärztin in Weiterbildung, aktiv bei Generation Psy und Vertreterin junger Psychiater:innen im Vorstand der größten Fachgesellschaft Deutschlands, erzählt von Selbsterfahrung, die Geld kostet, von Diensten mit kleinem Team und von einem Fach, in dem sie „angekommen“ ist. Viel Freude beim Lesen!


Nina Schubotz; DGPPN-Vorstand als Vertreterin der Gruppe junger Psychiater:innen
Nina Schubotz; DGPPN-Vorstand als Vertreterin der Gruppe junger Psychiater:innen

Nina ist Ärztin in Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet an einer Klinik in Berlin. Ihre Weiterbildung läuft seit 2018, denn zwischendurch sind drei Kinder zur Welt gekommen. Abends absolviert sie ihre psychotherapeutische Weiterbildung am Institut (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse). Seit 2019 engagiert sie sich bei Generation Psy, der Nachwuchsinitiative der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN). Viele kennen die Initiative aus den Plakat- und Postkartenkampagnen gegen Stigmatisierung.


Der humorvolle Text "Im Hippocampus leben keine Nilpferde" spielt mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs "Hippocampus". Obwohl der Hippocampus eine Gehirnstruktur ist, klingt der Name ähnlich wie "Hippopotamus", das englische Wort für Nilpferd.
Der humorvolle Text "Im Hippocampus leben keine Nilpferde" spielt mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs "Hippocampus". Obwohl der Hippocampus eine Gehirnstruktur ist, klingt der Name ähnlich wie "Hippopotamus", das englische Wort für Nilpferd.

Eine Gruppe für den Nachwuchs

Generation Psy verbindet Nachwuchsgewinnung mit berufspolitischem Engagement. Die Initiative der DGPPN verfolgt nach Ninas Beschreibung drei Anliegen: bessere Weiterbildungsbedingungen, Aufklärung darüber, was Psychiater:innen tun und wie sie sich von psychologischen Psychotherapeut:innen unterscheiden, sowie Entstigmatisierung, auch innerhalb der Medizin.


Die aktive Gruppe umfasst zum Zeitpunkt des Gesprächs rund 20 Ärzt:innen aus ganz Deutschland. Sie trifft sich monatlich per Video und zweimal jährlich persönlich, auf dem DGPPN-Kongress und bei einem Arbeitstreffen im Frühjahr. Ein Vertreter der Gruppe sitzt im Vorstand der DGPPN.


Zu den Projekten gehören ein ehrenamtliches Mentoringprogramm, Speed-Dating auf dem Kongress, eine Weiterbildungsevaluation (2023) sowie ein Positionspapier zur Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Weiterbildung. Ein Weiterbildungsnetzwerk soll künftig Erfahrungen aus verschiedenen Einrichtungen bündeln und die Interessen des Nachwuchses breiter abbilden. Nina betont dabei die Grenzen ehrenamtlicher Arbeit: Ideen gibt es viele, ihre Umsetzung muss jedoch neben der Patientenversorgung, der Weiterbildung, teils der Forschung und der Lehre sowie familiären Aufgaben erfolgen.


Wer im Studium sagt, er wolle Psychiater werden, wird oft nicht ganz ernst genommen. Man muss ziemlich überzeugt sein, um das durchzuziehen.

Das Fach kommt zu spät

Warum entscheiden sich so wenige Studierende für die Psychiatrie? Nach Ninas Eindruck begegnen viele Studierende der Psychiatrie erst spät im Studium. Bis dahin haben sie häufig bereits in anderen Fächern famuliert, eine Doktorarbeit begonnen oder persönliche Vorbilder gefunden, sodass ihre berufliche Orientierung schon gefestigt ist. Kommt dann der Blockkurs, hört sie im Mentoring oft: „Das ist ja doch ganz schön spannend, das hätte ich gar nicht gedacht.“


Hinzu kommen Vorurteile innerhalb der Medizin: Wer sich für die Psychiatrie interessiert, wird mitunter mit der Vorstellung konfrontiert, dort nicht als „richtiger Arzt“ zu gelten. Außerdem erscheint das Fach weniger greifbar als andere. Es gibt keinen Laborwert und keine festen Behandlungsalgorithmen, und man ist als Person Teil des Geschehens. Das sei genau der Reiz, sagt Nina, könne aber auch beängstigend wirken. Persönliche Kontakte, Hospitationen und Mentoring helfen dabei, solche Bilder zu hinterfragen und die Vielfalt des Faches kennenzulernen.


„Das ist ja doch ganz schön spannend, das hätte ich gar nicht gedacht.“

Auch Nina hatte ursprünglich eine andere Richtung im Blick: Sie wollte Unfallchirurgin werden. Der Einblick in die Psychiatrie veränderte ihre Vorstellung. Besonders wichtig wurde ihr der intensive Kontakt zu den Patient:innen, also die Möglichkeit, ihre Lebensgeschichte, ihr Umfeld und ihre Beziehungen kennenzulernen und sie über einen Abschnitt ihres Lebens zu begleiten.


Teure Selbsterfahrung, ungleiche Bedingungen

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die uneinheitliche Organisation der psychiatrisch-psychotherapeutischen Weiterbildung. Die Anforderungen unterscheiden sich zwischen den Landesärztekammern, und die konkreten Angebote zwischen den Einrichtungen. Manche Häuser bezahlen externe Supervision und Selbsterfahrung, vor allem dort, wo Ärzt:innen fehlen. In Großstädten wie Berlin ist das oft nicht nötig und daher selten. Besonders bei Supervision, Selbsterfahrung und ambulanten Psychotherapiefällen entstehen organisatorische und finanzielle Hürden. Wer die Kosten selbst tragen muss, zahlt mit Geld und Zeit, denn die Weiterbildung zieht sich in die Länge.


Nina unterscheidet dabei zwischen den psychotherapeutischen Kompetenzen, die im Klinikalltag vermittelt werden, und den Anforderungen der ambulanten Richtlinienpsychotherapie. Krisenintervention, der Umgang mit Suizidalität und kurze therapeutische Interventionen gehören zu den wichtigen Fähigkeiten psychiatrisch tätiger Ärzt:innen. Längere ambulante Behandlungen erfordern zusätzliche Erfahrungen, die sich im stationären Alltag nicht ohne Weiteres erwerben lassen.


Es darf nicht davon abhängen, ob man an einem wirtschaftlich bedürftigen Standort arbeitet oder besonders viel einfordert.

Externe Supervision und Selbsterfahrung können dafür wertvoll sein, auch weil sie Abstand zu den Hierarchien und Beziehungen in der eigenen Klinik verschaffen. Selbsterfahrung lässt sich laut Nina nicht nebenbei in der Patientenversorgung erledigen. Soll sie gut sein, braucht sie einen Rahmen außerhalb der Klinik, denn niemand öffnet sich gern vor Vorgesetzten und unmittelbaren Kolleg:innen. Zugleich kosten externe Angebote Zeit und Geld. Ninas Forderung ist deshalb eine verlässliche Finanzierung und Qualitätssicherung: Gute Weiterbildung sollte zum Standard einer Einrichtung gehören. Sie darf nicht davon abhängen, ob jemand an einem wirtschaftlich bedürftigen Standort arbeitet, wie hartnäckig Einzelne Angebote einfordern oder welche finanziellen Möglichkeiten sie mitbringen.


Auch die Schulen untereinander kommen zur Sprache. Verhaltenstherapie dominiert vielerorts, und bei einer Bewerbung wurde Nina wegen ihres tiefenpsychologischen Schwerpunkts abgewiesen. Sie wünscht sich weniger Abgrenzung und mehr Fokus darauf, was Patient:innen brauchen.


Auch die Schulen untereinander kommen zur Sprache. Verhaltenstherapie dominiert vielerorts, und bei einer Bewerbung wurde Nina wegen ihres tiefenpsychologischen Schwerpunkts abgewiesen. Sie wünscht sich weniger Abgrenzung und mehr Fokus darauf, was Patient:innen brauchen.


Vereinbarkeit und Sicherheit gehören zur Nachwuchsgewinnung

Die Weiterbildung fällt häufig in eine Lebensphase, in der Familien gegründet und kleine Kinder betreut werden. Dienste, zusätzliche Weiterbildungstermine und starre Arbeitszeiten können diese Phase erheblich erschweren, besonders in kleinen Teams: Wenn von sieben Kolleg:innen zwei krank sind, trifft es alle. Nina plädiert deshalb für flexiblere Arbeitszeitmodelle, bis hin zu anteiligem Homeoffice, und für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Lebensvorstellungen jüngerer Ärzt:innen. Die pauschale Annahme, der Nachwuchs wolle keine Dienste mehr übernehmen, teilt sie nicht. Entscheidend seien die tatsächliche Belastung, die personelle Ausstattung sowie die Vereinbarkeit mit anderen Verpflichtungen.


Die pauschale Annahme, der Nachwuchs wolle keine Dienste mehr übernehmen, teilt sie nicht.

Auch die Vorbereitung auf Dienste spielt eine wichtige Rolle. Gewalt, akute Krisen und Zwangsmaßnahmen können Berufsanfänger:innen verunsichern und manche Interessierte abschrecken. Nina erinnert allerdings daran, dass Fixierungen und Sicherheitspersonal auch auf Intensivstationen und in Notaufnahmen vorkommen. Entscheidend sei die Einarbeitung: Eine strukturierte Einführung, klare Zuständigkeiten und ein Deeskalationstraining vor dem ersten Dienst hält sie für wesentlich. Fehlen sie, kann der erste Dienst wirklich beängstigend sein. Sicherheit im Umgang mit schwierigen Situationen muss deshalb systematisch vermittelt werden.



Entstigmatisierung: Erfolge und Lücken

Nina nimmt Fortschritte in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Depressionen und psychischer Belastung wahr, etwa durch Prominente, die offen darüber sprechen, und durch die Pandemie. Bei Psychosen, bipolaren Störungen, Suchterkrankungen und Essstörungen hat sich aus ihrer Sicht dagegen kaum etwas geändert. Die größere Offenheit gegenüber einzelnen Diagnosen bedeutet für sie noch keinen generellen Abbau psychiatrischer Vorurteile. Die Offenheit auf Social Media nennt sie einen guten Trend, der jedoch alle Erkrankungen betreffen müsse.


... das Belächeln der Psychotherapiestation sei unbegründet und „unfair“.

Entstigmatisierung betrifft dabei nicht allein die Öffentlichkeit. Auch innerhalb der psychiatrischen Versorgung bestehen Abgrenzungen und unterschiedliche Bewertungen von Patientengruppen und Arbeitsbereichen, etwa zwischen Akut- und Psychotherapiestationen. Nina hat beide Bereiche erlebt und hält das Belächeln der Psychotherapiestation für unbegründet und „unfair“. Die Arbeit dort sei anders, aber nicht weniger kräftezehrend. Die Spannungen erklärt sie unter anderem mit den unterschiedlichen Aufgaben und Belastungen: Akutstationen stehen unter hohem Aufnahmedruck, mit hohem Durchlauf und vielen Überstunden, während spezialisierte Stationen versuchen, ihre Behandlungsprogramme aufrechtzuerhalten. Daraus können Konflikte entstehen, auch wenn beide Arbeitsformen anspruchsvoll sind.


Die Vielfalt des Faches als Stärke nutzen

Warum Psychiatrie? Psychiatrie verbindet biologische, psychotherapeutische und soziale Perspektiven. Diese Breite macht ihren Reiz aus, kann aber auch schwer greifbar wirken: Nicht jede Einschätzung lässt sich auf einen Laborwert oder einen bildgebenden Befund stützen, und die eigene Person sowie die Beziehung zum Gegenüber werden Teil des diagnostischen und therapeutischen Prozesses. Nina wünscht sich, dass diese Perspektiven stärker miteinander verknüpft werden.


Man sieht ein Gegenüber, nicht nur ein Organ. Das ist ein wahrer Schatz.

Biologische Psychiatrie und psychotherapeutische Ausbildung erlebt sie teilweise als zwei Welten, die sie persönlich beide bereichernd findet. Kritisch sieht sie die gegenseitige Abgrenzung zwischen den Therapieschulen, denn maßgeblich sollte sein, welche Behandlung die Patient:innen benötigen. Besonders bei schweren psychischen Erkrankungen erkennt sie eine Lücke zwischen den psychotherapeutischen Möglichkeiten und deren praktischer Verfügbarkeit. Aus ihrer klinischen Erfahrung berichtet sie über Menschen mit langjährigen psychotischen Erkrankungen, die bislang kaum psychotherapeutisch behandelt wurden.


Was sie an der Psychiatrie selbst schätzt, sind Zeit und Tiefe: Man lernt Menschen biografisch kennen, oft auch ihre Angehörigen, und kann sie ein Stück ihres Lebens begleiten.


Die Zukunft der Psychiatrie braucht gemeinsames Engagement

Für die Zukunft wünscht sich Nina eine finanzierte, zuverlässig umgesetzte und überprüfbare Weiterbildung. Dazu gehört für sie auch eine gute Begleitung durch Ärztinnen und Ärzte, die ihre Qualifikation im Ausland erworben haben und sich zusätzlich in einer neuen Sprache und einem neuen Versorgungssystem zurechtfinden müssen.


Zugleich sollte die Psychiatrie ihre Kompetenzen deutlicher vertreten: die Verbindung medizinischer und psychotherapeutischer Behandlung, den Umgang mit komplexen Krisen und die intensive Auseinandersetzung mit dem Menschen in seinem Lebenszusammenhang.


Das Gespräch macht deutlich, wie eng Nachwuchsgewinnung, Weiterbildungsqualität und Entstigmatisierung miteinander verknüpft sind. Wer junge Menschen für die Psychiatrie gewinnen möchte, muss ihnen frühzeitig Einblicke ermöglichen und Arbeitsbedingungen schaffen, unter denen sie das Fach fundiert erlernen können.


1

Finanzierung der Weiterbildung

damit die Qualität nicht vom Standort abhängt

2

Klare Qualitätskriterien und Kontrolle

Die Weiterbildungsordnung sei im Kern gut, das Problem liege in der Umsetzung

3

Gute Integration von Kolleg:innen mit Auslandsqualifikationen

die in der Psychiatrie eine wichtige Ressource darstellen

4

Mehr Selbstbewusstsein des Faches Psychiater:innen sollten klar sagen, was sie können, auch gegenüber anderen Berufsgruppen.


Mitmachen: Wer sich bei Generation Psy engagieren möchte, schreibt an mitmachen@generation-psy.de und wird zur nächsten Videokonferenz eingeladen. Studierende können außerdem das DGPPN-Starterpaket nutzen, das den Kongressbesuch und Fachzeitschriften umfasst.


Weitere Links

 
 
 

Kommentare


Unseren Blog abonnieren

©2023 by Mind-Brain Forum

bottom of page